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Der Entschluß, diese Schrift zu verfassen, reifte im Mai 1995, als
ich vor etwa siebzig Theologiestudenten einer renommierten deutschen Universität
zum obigen Thema sprechen konnte. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion gaben
außer mir drei weitere Referenten ihre Gedanken zu dieser Problematik
weiter. Der erste Redner plädierte für den grundsätzlichen
Verbleib in der Kirche. Der nächste befürwortete den Austritt,
wenn ein nichtgläubiger Pastor im Amt ist. Der dritte
sprach sich erst dann für das Verlassen der Kirche aus, wenn sie
offiziell homosexuelle Geistliche einsetzt. Ihre Argumentation war meines
Erachtens zum größten Teil nicht mit der Schrift begründet,
sondern pragmatisch. Deswegen versuchte ich mit allem Ernst deutlich zu
machen, daß es hier nicht um Pragmatismus oder Zweckmäßigkeit
geht. Unsere Haltung zur Bibel ist maßgebend. Wollen wir der Heiligen
Schrift nur im Bereich der individuellen Frömmigkeit, sprich Bekehrung
und persönlichen Heiligung, gehorchen? Gibt uns das Wort Gottes nicht
auch konkrete Anweisungen über die Struktur einer biblischen Gemeinde?
Ich weiß sehr wohl, daß es sich bei der Frage des Kirchenaustrittes
um ein heikles Thema handelt, bei dem auch Emotionen geweckt werden können.
Ich möchte niemanden persönlich verletzten. Mein Anliegen ist
es, die Wahrheit in Liebe zu bekennen
(Eph.4,15) und mit biblischen Aussagen Licht in das Wirrwarr der Meinungen
zu bringen. Gehen wir also zuerst zurück zur Schrift!
Das Neue Testament spricht 113 mal von der Ekklesia
(wörtlich: die Herausgerufenheit). Davon ist einige Male die Gesamtgemeinde
aller Gläubigen aller Orte während des gesamten gegenwärtigen
Zeitalters gemeint (z.B. in Mt.16,18). Sie ist identisch mit dem Leib
Christi. Nur wiedergeborene, mit dem Heiligen Geist versiegelte Menschen
gehören dazu. An den übrigen 95 Stellen geht es um die örtliche
Versammlung der Jünger Jesu. In der Apostelgeschichte lesen wir von
der schlichten Zusammenkunft der Gläubigen in Selbstverleugnung und
Leidensbereitschaft - ohne jede Bindung an den Staat. Sie betrachteten
das Wort, brachen das Brot, beteten zusammen und hatten verbindliche,
konkrete Gemeinschaft. Die Versammlungen wurden von Ältesten geleitet.
Hirten, Lehrer und Evangelisten rüsteten die Heiligen zum Dienst
zu. Die ersten Christen verwirklichten ein allgemeines Priestertum. Ein
Heiligtum für Priester und einen Vorhof für das Volk gab es
nicht. Unter ihnen herrschte der Geist der Liebe, aber auch der Geist
der Zucht. Sünde kam vor, wurde aber in der Gemeinde nicht geduldet.
Von den Gläubigen ging eine große missionarische Dynamik aus
(Apg.2-6). Die Gemeinden waren nur Christus als ihrem Haupt verantwortlich.
Es gab keinen zentralistischen Bund oder Verband. Die Gemeinden blieben
organisatorisch, finanziell und geistlich selbständig, pflegten aber
einen gewissen Austausch untereinander (z.B. Kol.4,16). Wir sehen, daß
das Neue Testament eine klar umrissene, verbindliche Gemeindelehre entfaltet.
Deswegen mahnte der Apostel Paulus die Korinther hinsichtlich des Gemeindebaus
mit ernsten Worten: ...ich habe als
ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf; jeder
aber sehe zu, wie er darauf baut. Denn einen anderen Grund kann niemand
legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn
aber jemand auf den Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh
baut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird
es klarmachen, weil er in Feuer geoffenbart wird. Und wie das Werk eines
jeden beschaffen ist, wird das Feuer erweisen (1.Kor.3,10-13).
Wir wissen alle, daß die christliche Versammlung bald eine andere
Form bekam. Der Feind war nicht untätig. Jesus Christus hatte angekündigt,
daß Satan Unkraut unter den Weizen säen würde. Schon im
1. und 2. Jahrhundert n. C. entstanden Ansätze von bischöflichen
(episkopalen) Strukturen. An die Stelle der priesterlich tätigen
Gemeinde trat sehr schnell eine gewisse Priesterkaste, die das Kirchenvolk
regierte. (1)
Im 4. Jahrhundert n. Chr. verwandelte sich die verfolgte
Gemeinde in eine verfolgende Kirche. Der römische Kaiser Konstantin
erließ 313 n. Chr. ein Toleranzedikt, das uneingeschränkte
Religionsfreiheit garantierte.
Unter Kaiser Julian gewann das Christentum endgültig
die Oberhand. Danach kippte die Sache in das andere Extrem. Der Kirchengeschichtler
Heussi schreibt: Aber die nächsten
Kaiser, Theodosius d. Gr. und Gratianus, machten seit 380 der Religionsfreiheit
ein Ende, erhoben die
katholische Kirche zur alleinberechtigten Staatskirche und begannen von
neuem den Kampf gegen die heidnische Religion... (2)
In der Zeit der Verfolgung war die christliche Gemeinde
lebendig und frisch. Als aber die Christen offiziell anerkannt wurden,
vermischte sich die Kirche bald wieder mit dem Heidentum. Das Christentum
degenerierte von der Jüngergemeinde zur Jedermann-Kirche. Doch zu
allen Zeiten gab es eine gläubige Minderheit, die wie die ersten
Christen ohne Anerkennung der offiziellen Gesellschaft nach schriftgemäßen
Prinzipien zusammenkamen. Immer hat
es echte Gemeinden gegeben, die sich an die Schrift als Richtschnur für
Glauben und Lehre, als Leitstern für den persönlichen Wandel
wie für die gemeindliche Ordnung hielten. (3)
Zwölf Jahrhunderte später ließ Gott das
echte Evangelium wieder aufstrahlen. Nach der Kirchenspaltung stand Luther
vor der Frage: Glaubensgemeinde oder Landeskirche? Er entschied sich wegen
angeblich zu wenig Mitarbeitern für die letztere. Die evangelischen
Landesfürsten wurden zu Not-Bischöfen. Ihre Untertanen
mußten den evangelischen Glauben annehmen oder auswandern. Wiederum
entstand die unselige Verquickung von Kirche und Staat. Das hatte verheerende
Folgen. Broadbent schreibt: Eine
solche Staatskirche ist sehr weitherzig. Sie kann sehr verschiedene Ansichten
in sich vereinigen. Sie kann Ungläubige aufnehmen, viel Böses
gutheißen und sogar ihren Geistlichen gestatten, ihren Unglauben
im Blick auf die Schrift offen auszusprechen... (4)
Jemand brachte die aktuelle geistliche Lage unseres Landes auf folgenden
Nenner: Die Not unseres Volkes ist
die Not seiner Pfarrer. Die Not seiner Pfarrer aber ist die Not ihrer
Ausbildung an den Universitäten. An den theologischen
Fakultäten herrscht fast durchgängig das Monopol der sogenannten
historisch-kritischen Methode der Schriftauslegung. Es ist erschreckend,
daß es Theologieprofessoren gibt, welche die Glaubwürdigkeit
und Wunder der Bibel leugnen. Aber es ist kaum zu fassen, daß es
Kirchen gibt, die bei diesen Leuten ihren Nachwuchs ausbilden lassen.
Auch die römisch-katholische Theologie hat sich in diesem Jahrhundert
leider nicht wesentlich verändert. Am 13.10.1962, zu Beginn des II.
Vatikanischen Konzils, mußten alle Konzilsväter folgenden Glaubensschwur
ablegen: Ich bekenne, daß sich
in der Messe ein wirkliches Sühnopfer für die Lebendigen und
die Toten vollzieht... Ich halte daran fest, daß es ein Fegefeuer
gibt... Ich glaube auch fest, daß man die Heiligen, die mit Christus
regieren, verehren und anrufen muß... Ich anerkenne die heilige,
römisch-katholische, apostolische Kirche als Mutter und Lehrerin
aller Kirchen... Desgleichen verdamme, verwerfe, und erkläre ich
alles für verflucht, was dazu in Widerspruch steht, alle falschen
Lehren, welche die Kirche verdammt, verworfen und für verflucht erklärt
hat... (6)
Dr. Lothar Gassmann zitiert 38 weit verbreitete Mißstände
in der evangelischen Kirche: Leugnung der Jungfrauengeburt und der leiblichen
Auferstehung Jesu, feministische Umdeutung der Bibel, synkretistische
Veranstaltungen mit Vertretern anderer Religionen, etc. (5)
Pluralismus und falsche Toleranz regieren das Feld. In beiden
Kirchen bestimmt die Universitätstheologie stark das Lehrgut der
Priester, Pfarrer und Religionslehrer. Diese christlichen
Führer prägen wiederum in einem bestimmten Maße unser
Volk. H. Venske zieht im Blick auf eine als christlich geltende Gesellschaft
ein düsteres Fazit: Christliche
Illusionen von der Wiege bis zum Grabe: Taufen, die keine Taufen im biblischen
Sinne sind; Konfirmationen, die nichts befestigen; Einsegnungen, die Aussegnungen
sind; kirchliche Trauungen, die christliche Ehen vortäuschen; kirchliche
Bestattungen, welche die ganze Verlogenheit unseres christlichen Lebens
nur mühsam verdecken. (7)
Die beiden großen Kirchen haben ein territorial-sakramentales Gemeindeverständnis.
Alle Getauften, die in einem bestimmten, geographischen Gebiet wohnen,
gehören zu der römisch-katholischen oder evangelischen Kirchengemeinde,
sofern sie nicht aus ihrer Denomination ausgetreten sind. Die persönliche
Glaubenseinstellung spielt hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft keine Rolle.
Die Heilige Schrift hingegen lehrt ein personales Gemeindeverständnis.
Jeder, der durch Gottes Wort und Geist wiedergeboren ist, gehört
zur weltweiten Gemeinde, zum Leib Jesu Christi, und soll sich an seinem
Wohnort oder in seiner Umgebung einer in ihrer Grundhaltung bibeltreuen
Gemeinde anschließen.
Gemäß der oben angeführten Tatsache kann
es sein, daß eine Kirchengemeinde aus hundert Prozent Getauften
besteht, jedoch achtzig Prozent oder mehr im biblischen Sinn nicht gläubig
sind. Die wenigen Wiedergeborenen bilden dann mit ihnen zusammen eine
Gemeinde. Das Neue Testament kennt aber nur errettete Gemeindeglieder.
Es war nie Gottes Wille, daß Gläubige und Ungläubige zusammengejocht
werden. Der Apostel Paulus schrieb: Geht
nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen. Denn welche Verbindung
haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht
und Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder
welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen
Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn wir sind der
Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: Ich will unter ihnen
wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk
sein. Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der
Herr, und rührt nichts Unreines an, und ich werde euch annehmen und
werde euer Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter
sein, spricht der Herr, der Allmächtige (2.Kor.6,14-7,1).
Dieser Abschnitt bezieht sich im Kontext der Korintherbriefe zuerst auf
religiöse Vermischung!
Andererseits kann es vorkommen, daß der Ortspfarrer
und / oder seine Kirchenältesten nicht wiedergeboren sind. Das bedeutet
in der Praxis, daß sich gläubige Gemeindeglieder einer ungläubigen
Gemeindeleitung unterordnen müssen. Eine solche Konstellation findet
niemals Gottes Wohlgefallen.
Noch viele andere biblische Prinzipien lassen sich in der
Kirche nur ungenügend oder gar nicht verwirklichen. Zum Beispiel:
Glaubenstaufe, Abendmahl nur für Gläubige, Berufung von wirklich
qualifizierten Ältesten, Priestertum aller Kinder Gottes, Gemeindezucht,
etc.
Fazit: Gott wollte zu keiner Zeit die Verbindung von Staat und Kirche,
von Politik und Religion, und die daraus resultierenden Kirchengemeinden.
Die Geschichte als Ganzes kann natürlich nicht mehr rückgängig
gemacht werden. Aber einzelne Christen konnten und können zu allen
Zeiten ihre persönlichen Konsequenzen ziehen.
Zweifellos hat der souveräne Herr trotz falscher Strukturen auch
innerhalb der verfaßten Kirchen einen gewissen Segen geschenkt.
Dieses Argument rechtfertigt nicht das Verbleiben in der Kirche. Sichtbarer
Erfolg ist kein geeigneter Gradmesser einer gottgemäßen Beurteilung.
Als Mose den Felsen schlug, war der sichtbare Erfolg da (4. Mose 20).
Das Wasser floß in Strömen. Aber in Gottes Augen war die Sache
Ungehorsam, und Mose durfte deswegen nicht in das verheißene Land!
Das Wort Gottes ist der Maßstab - nicht ein relativer, sichtbarer
Segen. Ich bin davon überzeugt, daß der Herr durch biblisch
gebaute Gemeinden weit mehr verherrlicht wird als durch das redliche Mühen
von Gläubigen in falschen religiösen Systemen.
Die Behauptung, volkskirchliche Strukturen seien missionarischen Aktivitäten
dienlicher als freie Gemeinden, entspricht nur bedingt der Wahrheit. Gerade
in den Städten haben viele Zeitgenossen den Großkirchen enttäuscht
den Rücken zugekehrt und sind u.U. eher von außerkirchlichen
Gruppen zu erreichen. In bibeltreuer Gemeindearbeit können heute
alle Bevölkerungsgruppen und gesellschaftlichen Schichten mit dem
Evangelium erreicht werden. Das Wirkungsfeld mag kleiner sein - vielleicht
ist aber der Wirkungsgrad dennoch höher!?
Diesen Ansatz kenne ich persönlich sehr gut. Mein Großvater
gründete vor gut 85 Jahren eine solche Landeskirchliche Gemeinschaft,
und auch in meinem Elternhaus versammelten sich viele Jahre Gemeinschaft
und Jugendbund (EC).
Im Blick auf den Verbleib in der Kirche beruft man sich auf die Gnadauer
Väter, die 1888 den Entschluß faßten, die wahren Gläubigen
innerhalb der Kirche zu sammeln. Es
besteht kein Zweifel, daß die sogenannte Gemeinschaftsbewegung vielen
Menschen zu einem lebendigen Glauben verhalf, und die Neubekehrten durch
Bibel- und Gebetsstunden weiterführte. Das muß in jedem Fall
festgehalten werden. (8) Doch ob sich die Gründer des
Gnadauer Verbandes heute noch genauso entscheiden würden? Jemand
formulierte es so: Wenn wir das tun,
was unsere Väter taten, tun wir eben nicht das, was unsere Väter
taten. Christoph Morgner, der gegenwärtige Präses
des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, sagte 1993 bei einem Mitarbeiterkongreß
in Gunzenhausen: Das Leiden der Pietisten
an der Kirche ist erheblich. (9) Warum fordern er und andere
Leiter trotzdem immer wieder die unbedingte Treue zur Kirche? Wem müssen
wir treu sein: der Kirche oder dem Herrn? Wenn wir dem Herrn und unserer
Kirche nicht gleichzeitig treu sein können, dann sollten wir Konsequenzen
ziehen!
Zunächst muß hier das Einheitsverständnis der christlichen
Kirche hinterfragt werden. Spricht Jesus Christus in Joh. 17,20-23 von
organisatorischer oder von geistlicher Einheit? Organisatorische Einheit
ist der Gemeinde Jesu hier auf Erden nicht verheißen. Der englische
Christ Charles Haddon Spurgeon lehrte: Nichts
hat die Einheit der wahren Gläubigen so stark gefördert
wie der Bruch mit den falschen. Trennung von solchen, die fundamentale
Irrtümer gewähren lassen oder das Brot des Lebens den verderbenden
Seelen vorenthalten, ist keine Spaltung, sondern nur das, was die Wahrheit,
das Gewissen und Gott von allen erwarten, die treu erfunden werden wollen.
(10) Es liegt in der Natur des Evangeliums, daß es auf der einen
Seite vereint und auf der anderen Seite spaltet (1.Kor.11,19).
Es geht nicht um Perfektionismus, sondern um den schlichten Gehorsam gegen
den Willen des Herrn. Gott hat im Neuen Testament deutlich offenbart,
wie er sich Gemeinde vorstellt. Das hat nichts mit Formalismus zu tun.
Natürlich ist eine Form ohne Leben tot, aber auch Leben ohne Form
ist gefährdet. Biblische Ausgewogenheit ist wichtig. Zuerst schafft
Gott durch seinen Geist das Leben, und dann will er alles geistliche Leben
in biblische Strukturen einmünden lassen, ohne die Wachstum und Reife
eines Christen schwerlich erreicht werden können.
Wolfram Kopfermann entkräftet diesen Einwand wie folgt: Jesu
heilsgeschichtlich unvergleichliche Situation vor seiner Kreuzigung muß
bedacht werden. Er war der Messias des Bundesvolkes. Für ihn war
dies nicht so seine Kirche, wie es für einen Christen in England
vielleicht die englische Staatskirche ist, für ihn war dies das Gottesvolk
Israel. Das ist ein ganz tiefer, im Kern der Heilsgeschichte Gottes begründeter
Zusammenhang. Aus diesem Zusammenhang auszutreten, hätte Jesus nicht
in eine andere Kirche gebracht, sondern jenseits der Heilsgeschichte gestellt.
Das heißt: Jesu Verbundenheit mit der jüdischen Synagoge ist
gerade kein zeitloses Muster für die Christen aller Jahrhunderte.
(11)
In diesem Argument steckt nicht mehr
Logik als in der Begründung eines Mannes, sich kein neues Auto zu
kaufen, weil alle neuen Autos die seltsame Tendenz hätten, alt zu
werden. (12) Abgesehen davon geht es nicht darum, ob etwas
besser ist, sondern ob es schriftgemäß ist. Die ganze Bibel
zeigt, daß die Kirche, auch in ihren besten Zeiten, eine dem Wesen
der Gemeinde Jesu unangemessene Gestalt hatte, weil sie vom Ansatz her
Gläubige und Ungläubige vermischt. Ernst Maier bemerkt dazu
treffend: Es ist ein großer
Unterschied, ob einige wenige Tote unter vielen Lebendigen sind, oder
ob einige Lebendige unter vielen Toten sind. (13)
Ideale Gemeinden gibt es auf dieser Erde nicht, weil sie
alle außerhalb des Himmels gebaut werden. Gewisse Zugeständnisse
werden überall nötig sein. Aber es gibt christliche Versammlungen,
die an der Autorität und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift für
Lehre und Leben festhalten. Dort sollen sich suchende Gläubige anschließen,
selbst wenn die Gemeinde nicht in der unmittelbaren Nähe zusammenkommt.
Prälat Oetinger soll dem jungen Grafen Zinzendorf mit folgenden Worten
vom Verlassen der Kirche abgeraten haben: Wenn
du austrittst, wirst du hochmütig!. Es sind sicherlich
schon manche lauthals aus Babel hinausgegangen und am Ende kleinlaut in
Ninive angekommen. Die innere Haltung ist entscheidend. Wer austritt,
darf es nicht stolz und überheblich tun. An den geistlichen Nöten
leidend soll er die Kirche verlassen und für das empfangene Gute
dankbar sein. Auf keinen Fall darf er einen anderen Jünger Jesu verachten
oder ablehnen, weil jener seinen Platz (noch) in einer Kirche sieht. Die
Liebe zum Bruder muß über aller unterschiedlichen Erkenntnis
stehen (1.Kor.8,1).
Gewiß können noch weitere Einwände und Bedenken
gegen den Kirchenaustritt vorgebracht werden: Die
Familie ist vielleicht seit Generationen mit dieser Gemeinde verbunden.
Die besten Freunde sind möglicherweise hier zu finden. Die jungen
Leute wären ohne Betreuung, wenn man als Mitarbeiter aussteigen würde.
Dem einzigen gläubigen Pfarrer in der Gegend muß man doch noch
den Rücken stärken. Es ist verantwortungslos, das sinkende Schiff
zu verlassen. Man muß den Zerfall doch aufhalten und sich für
Verbesserung der Zustände einsetzen.... (14)
In der Schrift werden treue Christen nicht ermutigt, in unbiblischen Systemen
auszuharren. Sie werden vielmehr aufgefordert, solche zu verlassen.
Das Wort Gottes lehrt die Trennung von falscher Lehre (Röm.16,17),
vom Namenchristentum (2.Tim.3,1-5) und von falschen religiösen Systemen
(2.Kor.6,14-18; Hebr.13,13; Offb.18,4). Ein
Blick in die Kirchengeschichte zeigt, daß Gott nicht durch Reformation
der Abgefallenen wirkt, sondern durch die Absonderung der Treuen.
(15)
Die biblische Wahrheit lautet also: Geht
aus ihrer Mitte hinaus! Das ist ein deutliches Gebot in Gottes
Wort. Um die Folgen wird sich Gott selbst kümmern. Ich habe nur gehorsam
zu sein. Gott segnet uns, wenn wir ihm nach seinen Prinzipien dienen und
nicht menschlichen, scheinbar barmherzigen Argumenten folgen.
Was hinderte die gläubig gewordenen Obersten (der Juden)
zur Zeit Jesu an der Absonderung? ...wegen
der Pharisäer bekannten die Obersten Jesus nicht, damit sie nicht
aus der Synagoge ausgeschlossen würden, denn sie liebten die Ehre
bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott (Joh.12,42-43).
Absonderung kann Schmach und Ehrverlust mit sich bringen. Manche Christen
kostete der Kirchenaustritt sogar das Leben. Wie wird der lebendige Gott
mehr verherrlicht: auf einem Weg voller unbiblischer Kompromisse oder
durch ein hingegebenes Leben in Treue und schlichtem Gehorsam?
Liebe Leserin, lieber Leser, darf ich Dich zum Schluß
ganz persönlich ansprechen? Du verharrst aus irgendwelchen Gründen
noch in der Kirche, und sei es nur auf dem Papier. Was gewinnst
Du durch das Verbleiben in der Kirche? Vielleicht bewahrst Du Deine Ehre
vor der Welt. Was aber gibst Du auf, wenn Du zu einem unbiblischen, religiösem
System gehörst? Ich fürchte, Du verlierst ein gewisses Maß
der Gebräuchlichkeit für den Herrn. Du opferst einen Teil der
Glückseligkeit eines christusgemäßen Wandels. Und ganz
gewiß wird es Deine Glaubwürdigkeit nicht fördern. Inkonsequenz
schadet der Sache des Herrn! Noch einmal zitiere ich Spurgeon: Es
ist die eindeutige Pflicht eines ehrlichen Christen, den Kreis derer zu
verlassen, die vorgeben, Christen zu sein, aber das Wort Gottes verletzen
und die Grundlagen des Evangeliums verwerfen. Sich mit dem Irrtum einlassen,
macht es dem besten Menschen unmöglich, gegen ihn vorzugehen.
(16)
Darum: Laßt uns
zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, denn wir haben
hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir
(Hebr.13,13-14).
Quellenangabe:
(1) Heitmüller, Friedrich: Die Krisis der Gemeinschaftsbewegung,
Christliche
Gemeinschaftsbuchhandlung Hamburg 1931, S.77
(2) Heussi, Karl: Kompendium der Kirchengeschichte, J.C.B. Mohr (Paul
Siebeck)
Tübingen, 16. Auflage, 1981, S. 93
(3) Broadbent, Edmund H.: Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt, Hänssler-Verlag
1984, S.33
(inzwischen unter dem Titel 2000 Jahre Gemeinde Jesu von der Chr. Verlagsgesellschaft
Dillenburg neu aufgelegt)
(4) A.a.O.; S.143
(5) Gassmann, Dr. Lothar: Evangelische Kirche wohin?, Stephanus Edition
Uhldingen / Bodensee 1995, S.114-118.
(6) Jochums, Heinrich, in: Der feste Grund Nr. 2, Febr. 1969, S.9
(7) Venske, H.: Vollendete Reformation, S.89, zitiert bei Keil, Dr. Bernhard:
Begründung
meines Kirchenaustrittes, Selbstverlag 1985, S.7
(8) Schnabel, Dr. Eckhard: Kirche - Gemeinde - Gemeinschaft, Überlegungen
zu einem
Kernproblem der Evangelikalen, aus: Gemeindegründung (Mitteilungen
der Konferenz für
Gemeindegründung), 1.Jahrg., Nr. 4, Okt.-Dez. 1985
(9) Gassmann, Dr. Lothar: Evangelische Kirche wohin?, S.19
(10) Spurgeon, Charles Haddon, zitiert in fest und treu, Meinerzhagen,
Nr. 43, Jg. 4/83,
Rückseite
(11) Kopfermann, Wolfram: Abschied von einer Illusion - Volkskirche ohne
Zukunft, Praxis-
Verlag Mainz 1990, S. 43. Anm.d.Verf.: Schade, daß die Anwendung
von Kopfermanns
präziser Analyse im Nachwort (S.215-217) sehr verschwommen bleibt.
(12) Wallis, Arthur: Leben ohne Kompromisse, Aßlar 1982, S.160;
zitiert in Kopfermann,
Wolfram: Abschied von einer Illusion, S.50
(13) Maier, Ernst: Handbuch für Gemeindegründung, Biblischer
Missionsdienst Pfullingen,
S.28.
(14) Frei nach MacDonald, William: Licht für den Weg, CLV Bielefeld
3. Auflage 1992, S.257
(15) Maier, Ernst: Handbuch für Gemeindegründung, S.53
(16) Spurgeon, Charles Haddon, zitiert in Keil, Dr. Bernhard: Begründung
meines
Kirchenaustrittes, S.14
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